Auf den Zahn gefühlt – Ein Interview mit Katja Taranu, Leiterin der Tanzcompagnie

Worum geht es in dem Stück?

„In dem Stück geht es um ganz persönliche Geschichten, die zu DDR-Zeiten passiert sind. Wir spielen in dem Zeitraum von 1960 bis ungefähr 1989, in dem es um die Jugendlichen geht, wie sie sich damals mit Musik verhalten haben und um den Aspekt, dass früher in diesem diktatorischen Staat nicht immer alles erlaubt war. Dieser Umgang mit Musik, was ist erlaubt, wo kriege ich Musik her, wie werde ich zu einer bestimmten Persönlichkeit, das kommt in dem Stück alles vor. Was uns als Regieteam – Johannes Härtl, Jan Paul Werge, Jörg Hückler und mir – wichtig war, ist, dass wir die Geschichten nicht 1:1 kopieren und nicht nacherzählen wollten. Das heißt, ich habe eben auch Kollegen, die die damalige Zeit nicht erlebt haben und wir waren uns einig, dass wir das mit einer Draufsicht von heute erzählen wollen. Wir wollten kein verstaubtes Stück, deswegen müssen da auch nicht unbedingt DDR-Tapeten und Honecker-Bilder vorkommen, sondern wir haben ein ganz freies, ganz entstaubtes, luftiges Bühnenbild mit einer ganz hohen Treppe, die zum Himmel zeigt und so ist es erst mal ein freundliches Ambiente, wo sich die jungen Leute bewegen. Und dann erzählen wir nicht chronologisch, sondern springen zwischen Ereignissen hin und her und das funktioniert auch gut, weil Tanz und Gesang so frei und assoziativ sind, und diese Freiheit haben wir uns einfach gelassen.“

(No) Satisfaction! vorab (Foro: Dorit Gätjen)

(No) Satisfaction! vorab (Foto: Dorit Gätjen)

Wer ist darauf gekommen, ein Stück zu diesem Thema zu inszenieren und wie?

„Wir waren uns einig, dass wir, wenn wir dieses Jahr übers ganze Jahr und über die Spielzeit hinweg mehrere Tanzinszenierungen haben, verschiedene Dinge tun wollen. Es sollte nicht jeder von den drei Abenden die gleiche Note haben, deshalb habe ich mir auch die Freiheit gelassen, einen Gast einzuladen, weil ich glaube, dass der Zuschauer und auch die Tänzer immer fremde Handschriften brauchen. Wir haben uns gesagt, warum so weit weg rennen und warum sich mit der ganzen Welt beschäftigen, wenn man sich doch vielleicht auch mit Rostock beschäftigen kann? Wir haben ein Theater in Rostock, wir haben Leute in Rostock, da muss es irgendwann mal etwas  gegeben haben. In dieser Spur, irgendwie fast parallel, kam Intendant Sewan Latchinian und hat uns mit Herrn Dr. Höffer von der BStU bekannt gemacht und gesagt, getan, angerufen, Termin gemacht. Es war auch ein super Kontakt zu ihm– Herr Höffer kann unheimlich viele gute Geschichten erzählen. Als Nächstes musste das Theater erst mal einen Antrag auf Einsichtnahme der Akten schreiben, und die darf man wirklich lesen, also auch Fremdakten oder Fremdnotizen. Man darf Zitate benutzen und das alles, das war eben so schön daran. Danach hat Herr Hückler viele Stunden in dem Archiv gesessen und ganz viele Akten gewälzt.“

Inwiefern willst du historische Begebenheiten aufgreifen, die wirklich in Rostock passiert sind oder willst du sie eher verfremden?

„Nein, also die Geschichten, die wir uns ausgesucht haben, werden schon erzählt, aber eben nicht 1:1 kopiert. Wir befinden uns in einer Szene wirklich auf dem Konzert in der Ostseewoche 1964, das von der DDR-Regierung ausgeschrieben war und unter dem Aspekt der Völkerverständigung stattfand. Und da wurde eine Band aus Norwegen eingeladen und noch bevor der Sänger aufgetreten ist, hat er eine Zensierung seiner Liedtexte bekommen. Man hat ihm dann irgendwie nach zwei oder drei Titeln einfach gesagt: Du musst jetzt aufhören. Und daraufhin haben eben Jugendliche angefangen zu protestieren und lautstark zu werden, bis dann, eigentlich durch einen unglücklichen Zufall, von irgendwoher Polizei kam, obwohl noch gar nichts passiert war. Einem Polizisten flog eine Bierflasche an den Kopf und daraufhin entstanden eben ganz viele Tumulte und Randale, man hat die Jugendlichen abgeführt und die  saßen dann im Polizeirevier Ulmenstraße, unter eben auch ganz rabiaten Bedingungen. Es gibt auch eine Verhaftungsszene nach einer Flucht über die Mauer, was bei uns jetzt nur die Hafenkante ist, aber es ist eben auch so, damals gab es Strandverordnungen, dass man abends nicht länger als bis 22 Uhr in Gruppen zusammen am Strand sein durfte, man durfte dort auch keine Luftmatratze mithaben, weil die Grenzpolizisten immer sofort den Verdacht gehabt haben, dass jemand flüchten will. Musikkassetten wurden eben auch sofort eingesammelt, wenn irgendjemand entdeckt hat, dass da Musik drauf war, die aus dem Westen kam. Und so eine Verhaftung nach einem Fluchtversuch, wo eine junge Frau im Jugendwerkhof landet, gibt es bei uns z.B. auch.“

Wie fanden die Tänzer das Thema? Sie haben die DDR nicht erlebt, wie sind sie  mit der Situation um-und an die Recherche herangegangen?

„Gut. Ich glaube, für die ist es spannend, da irgendwie einzutauchen und zu hören, dass wir sagen, wir mussten früher zu einem Fahnenappell alle in der gleichen Kleidung erscheinen und wir mussten Fahne tragen und Halstuch und wir mussten Grüßen und Appelle machen. Das ist für sie eine ganz neue Erfahrung.“

(No) Satisfaction! vorab (Foro: Dorit Gätjen)

(No) Satisfaction! vorab (Foto: Dorit Gätjen)

Wie spiegeln sich die unterschiedlichen Epochen in der Musik wider?

„Wir haben gesagt, wir setzen eine ganz bestimmte Zeit, ´60 bis ´90 ungefähr, und dann haben wir unsere Bilder aufgeteilt und Musik zugeordnet. Wir waren uns einig, dass in jedem Bild ein Originaltitel aus der Zeit vorkommen soll, den man da auch wirklich gehört hat. Außerdem hat Jan Paul Werge auch selbst Musik dazu gefunden, bestimmte Rhythmen, die uns unterstützen und die einzelnen Titel  miteinander verbinden. Dann gibt es eben Abbrüche, wo die Musik aufhört, oder lange Textphasen, bis wieder Musik kommt und so glaube ich, hat es ganz verschiedene Ebenen.“

Wie entsteht der Tanz dazu?

„Das, was der Urmensch am Anfang gemacht hat, wo er einen Fuß nach den anderen gesetzt hat, da haben die Menschen angefangen zu tanzen. Ich glaube, erst mal ist völlig egal, was für Musik da läuft, der Tänzer an sich bewegt sich, sobald jemand Musik anmacht. Dann ist die Frage, was will ich damit erzählen, das heißt, will ich was Bestimmtes erzählen oder will ich die Musik einfach bedienen. In dem Fall ist es vor allem wichtig, die Geschichte zu erzählen und die fängt bei dem Tänzer  im Kopf an. Da läuft also immer ein Film und wenn man zu dem Tänzer sagt, in welcher Situation er sich befindet, genau wie bei dem Schauspieler, dann läuft der Film ab und danach kommt es erst in die Füße, das ist bei dem Tänzer ein Automatismus, der sich herstellt. Er braucht aber eben ganz viel Geschichte dazu, und genauso entsteht es auch beim Choreografen.“


Wie ist es für die Tänzer, zu singen / sprechen, für die Schauspieler zu tanzen? Geben sie sich gegenseitig Tipps, wie läuft die Erarbeitung ab?

„Ja, das schon, aber für unsere Tänzer ist es auch nichts so ungewöhnliches. Sie haben schon gesungen, sie sprechen und im Gegensatz zu anderen Häusern sind sie ja nicht so vorgefertigte Puppen, sie haben ja auch nicht alle Gardemaß und diese Individualität kann man nutzen, weil jeder Tänzer je nach eigenen Interessen schon unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat. Sie haben auch keine Hemmungen, das alles zu probieren oder etwas falsch zu machen und dann darüber zu lachen. Genauso wie die Schauspieler dann auch sagen: Ich lach jetzt erst mal zwei Stunden, bis ich die Schritte irgendwann kann und dann kriegt das alles eine Ernsthaftigkeit. Es ist aber auch schön, dass da ganz viel Spaß dabei ist.“

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