Interview mit Dr. Volker Höffer (Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde Rostock)

Herr Dr. Höffer, Rock und Rebellion an der Ostsee, das war ein Dauerbrenner für die Stasi. Das Regie-Team von (NO) SATISFACTION! hat sich durch Berge von Material gearbeitet.

Volker Höffer: Wir konnten Jörg Hückler und Katja Taranu „zupflastern“ mit Geschichten aus den Akten. Anfang/ Mitte der 60er gab es in Rostock allein 17 „Gitarrenbands“. Und die meisten standen im Visier der Stasi.


Im Juli 1964 nahm die sogenannte
Beat-Revolte ihren Anfang.

Volker Höffer: Zur Ostseewoche verlangten Jugendliche vergeblich Zugaben nach einem Konzert des Norwegers Jan Rohde. Die Ordner waren überfordert, Bereitschaftspolizei sperrte die Bühne ab. Rufe wie „Polizistenschweine“, „Scheiß System“ ertönten. Die Polizei griff hart durch und lieferte sich eine Rangelei mit 200 bis 300 Jugendlichen. Mehrere „Rädelsführer“ wurden festgenommen, doch vor dem Polizei-Revier in der Ulmenstraße gab es weitere Proteste. Typisch für die damalige Situation: Das blieb keine Sache der Polizei. Die Stasi zog sich das Verfahren sofort auf den Tisch. Es folgten Protestaktionen in anderen Städten. In Leipzig demonstrierten Ende Oktober 1965 gar zweitausend Jugendliche gegen die Verpönung ihrer Lieblings-Musik.

Beatgruppen waren nach dem Mauerbau wie Pilze aus dem Boden geschossen. Es sah nach einer Liberalisierung des geistig-kulturellen Lebens aus. Aber schon 1965 verloren viele Formationen ihre Lizenz, durften nicht mehr auf Englisch singen, englische Band-Namen waren tabu.

Volker Höffer: Nachdem in der Sowjetunion 1964 Breshnew an die Macht gekommen war, gewannen auch in der DDR die Hardliner wieder Oberwasser. Und deren Rückkehr zur Repression gipfelte in den Beschlüssen des 11. ZK-Plenums der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Das sogenannte Kultur-Kahlschlag-Plenum vor 50 Jahren.

Volker Höffer: Genau. Ein guter Anlass, diese Geschichten aus Rostocker Erleben auf die Bühne zu bringen.

Randale wegen Rockmusik waren kein Ostphänomen. Bill Haleys erste Deutschlandtour wurde zum Alptraum für die Veranstalter Das Publikum zerlegte Konzertsäle in Hamburg, Bremen, Stuttgart…

Volker Höffer: … und beim Auftritt der Rolling Stones 1965 in Berlin die Waldbühne. Davon druckte das Neue Deutschland damals eine Fotostrecke der Bild-Zeitung nach. Beatle-Mania und Rock ’n’ Roll schockierten im Osten wie im Westen. Aber von der DDRFührung wurde fast alles als Ausfluss des „westlichen“, „negativen-dekadenten“ Systems betrachtet, als feindliche Einflussnahme. Sie statuierte harte Exempel wegen kleinster Anlässe.

Haben Sie ein Beispiel aus der Region?

Volker Höffer: Die sogenannte Glatzkopfbande. Deren angebliche Rädelsführer bekamen acht Jahre Zuchthaus, weil sie auf dem Zeltplatz Bansin keine Schlager, sondern flottere Musik hören wollten. Sie hatten in einer Kneipe rumgestänkert, ohne politischen Hintergrund. Der wurde ihnen unterstellt.

Dabei waren die Ideen sozial, die hinter Rock ’n’ Roll und Flower-Power steckten, also eher links.

Volker Höffer: Das ist ja das Skurrile, die SED-Spitzen begriffen das nie. Sie waren zum Teil kleingeistige, spießige Menschen. Das wird Ende der 70er und in den 80ern noch krasser mit der Verfolgung der Punks. Wäre die DDR-Führung klug gewesen, hätte siediese Bewegung instrumentalisiert. Die westlichen Punks richteten sich ja gerade gegen die schlimmsten Auswirkungen des kapitalistischen Systems. Aber die Punks in der DDR waren der SED suspekt, weil die so komisch aussahen, sich nicht anpassen und auch politisch Anderes wollten.

Sie sind 1963 in Stralsund geboren. Für welche Musik schwärmten Sie als Jugendlicher?

Volker Höffer: Ich mochte die frühen Puhdys, Renft, verschiedene Blues-Gruppen, später Karussell. Das SED-Diktum gegen englische Titel führte ja zu einer Blüte guter ostdeutscher Rockmusik. Doch ab der zweiten Hälfte der 70er wurde mir DDR-Musik zu fade. Heute ist mir klar, dass das auch am Verschwinden der interessanten Bands nach dem Renft-Verbot und der Biermann-Ausbürgerung lag. Ich ging in Richtung Heavy Metal, Hardrock, Punk – also Deep Purple, Led Zeppelin, Queen, später Sex Pistols, AC/DC.

Erlebten Sie deswegen Repressionen?

Volker Höffer: Nein. Wenn wir mit dem Rekorder an der Straßenecke standen, kam höchstens mal der Abschnittsbevollmächtigte und forderte uns auf, die laute Musik abzudrehen.

Heute spielen Sie selbst DDR-Musik.

Volker Höffer: Ich habe vor vier Jahren zusammen mit meinen Studienfreund Jörg Schliephake das Duo „Zeitlos“ gegründet. In unserem Programm ZWISCHEN LIEBE UND ZORN geht es um DDR-Rockmusik zwischen Anpassung und Auflehnung.

Das Volkstheater erzählt mit (NO) SATISFACTION! eine Geschichte, die in den 60ern am Strand beginnt und in den späten 80ern bei revoltierenden Punks endet. Ist das vor allem Erinnerungskultur?

Volker Höffer: Das wirkt so frisch, es spricht garantiert auch heutige Jugendliche an. Da ist alles drin: Lebensfreude, Rhythmus, Protest, Sehnsucht nach Freiheit. Und es sind Geschichten von hier, aus Rostock.

von Ulrike Buchmann, erschienen im TITEL (Juni-Ausgabe)

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